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Frankfurter Neue Presse, 27.11.2006

Gospel, Gott und gute Laune

Von Gernot Gottwals

Eschersheim.Je nach Gemüt bietet ein Gebet oder Kirchenlied die Möglichkeit, in sich oder auch völlig aus sich herauszugehen, um die Herrlichkeit Gottes zu preisen. So wie die sieben Gospelchöre aus Frankfurt, Wiesbaden, Neu-Anspach und Griesheim bei Darmstadt, die auf Frankfurts erster Gospelnight in der Andreaskirche mit vollem Stimm- und Körpereinsatz eine freudige Atmosphäre erzeugten. „Rock the church“ heißt das bei den Gospelanhängern. „Denn wenn wir klatschend und singend zum Worshipping kommen, geht bei uns die Post ab“, erklärte Martin Schultheiß, Leiter des Frankfurter Gospelchors.

Und nicht wenige der rund 500 Besucher stimmten mit ein, ließen sich durch die Klänge von den Kirchenbänken reißen: Das traf zumindest für die modernen, sehr spontanen afroamerikanischen A-Capella-Gesänge zu, die besonders von der Kraft des Geistes leben. Zu hören waren aber auch traditionelle eher melodische Gospels aus der Ursprungszeit, die die Botschaft auf Hoffnung der Sklaven eher mit andächtig deutschem Chorgesang herüberbrachten.

So oder so, für beide Stilrichtungen erwies sich die moderne und mit ihren bunten angeleuchteten Glasscheiben durchaus sakrale und lebensfrohe Andreaskirche als geeigneter Ort. „Unsere Musik lebt von der Botschaft, wie sie auch im Gottesdienst verkündet wird. Deshalb wählen wir Kirchen aus und keine Konzerthallen“, sagt Nicole Alt, Organisatorin der Gospelnight und Leiterin des Chors Sound of Gospel. Manche der Chöre hatten bereits in der Vergangenheit kleinere spirituelle Konzerte in der Andreaskirche gegeben. Und so unterstütze das Alternativ-Team der zugehörigen Gemeinde auch dieses Mal die Gospelsänger durch den Verkauf von Essen und Getränken.

Die Titel des Konzerts lasen sich dagegen wie geistige Stärkung und Geborgenheit im Überfluss. Darunter auch das bekannte „My life is in your hands“ von Kirk Franklin oder „Heaven“, das auf norwegische Gospelbewegungen zurückgeht. „Doch viele der amerikanischen Lieder sind hier gar nicht so bekannt. Denn in den Geschäften bekommt man nur wenige Gruppen wie die Harlem Gospel Singers zu kaufen“, sagt Nicole Alt.

Historisch geht die Gospelmusik auf die afrikanischen Sklaven in Amerika zurück, die zunächst Klagelieder sangen, zunehmend aber spirituelle christlich bestimmte Gesänge der Hoffnung anstimmten. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden diese Spiritual zunehmend von Elementen der Jazz-, Blues- und Popmusik beeinflusst, die immer mehr die Möglichkeit zur freien Interpretation unter Einbeziehung des Publikums brachte. Zu den ältesten Gruppen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet gehören die Martin Luther King Singers, die aus dem in der Nachkriegszeit gegründeten Gospelchor der Atterberry Chapel hervorgingen. Die anderen Chöre, die auf dem Konzert auftraten, sind vorwiegend zwischen zehn und zwanzig Jahre alt.

Viele der Gospelsänger ließen durchaus die Motivation erkennen, sich selbst und ihr Publikum in eine Art Trance zu versetzen. „Alleine eine gute Stimme und Begeisterung für die Rhythmen dieser Musik reichen nicht aus“, weiß auch Petra Gruber, die im Frankfurter Gospelchor und im Sound of Gospel singt. Nur wer an die Botschaft glaube, könne sie auch durch Singen, Tanzen und Klatschen transportieren. So werde das Konzert selbst zur Meditation, zum Gebet, zum Gottesdienst. Und die Stimmung in der Kirche gelange an ihren Höhepunkt. Doch der Höhepunkt war offenbar erklärungsbedürftig. Denn nicht jeder verstand auf Anhieb die Botschaft des Titels „Send up Judah“. „Bei uns Gospelfreunden bedeutet das so viel, wie eine Rakete steigen zu lassen“, erläutert Martin Schultheiß mit fast närrischen Worten. Immerhin: Dass auch eine Gospelrakete deutlich Richtung Himmel geht, dürfte im Konzert kaum einer bezweifelt haben.

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